Etwa 280.000 Menschen in Deutschland haben eine Multiple Sklerose (MS) – eine neurologische Erkrankung, die die Nerven im Zentralnervensystem (ZNS) betrifft, also Nerven im Gehirn und Rückenmark (1). Sie verursacht Schäden an der Myelinscheide, der schützenden Hülle um die Nervenfasern im ZNS, sowie an den Nervenfasern selbst bis hin zum Verlust von Nervenzellen. Je nach den betroffenen Nerven kann es zu Störungen der Empfindung und Wahrnehmung (Sensorik) oder der Bewegungsfähigkeit (Motorik) kommen. Im Folgenden erfährst Du das Wichtigste über Erkrankung, Symptome und Ursache1.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, die eine Schädigung des zentralen Nervensystems verursacht. Betroffen sind Gehirn, Rückenmark und der Sehnerv.
Die Erkrankung, die in verschiedenen Verlaufsformen auftreten kann (siehe im betreffenden Abschnitt), ist nicht heilbar, insbesondere für die Behandlung der schubförmigen MS stehen heute jedoch vielfältige medikamentöse Therapieoptionen (sog. verlaufsmodifizierende Therapien) zur Verfügung1.
Eine Fehlleistung des Immunsystems
Autoimmunerkrankung heißt, dass das körpereigene Immunsystem sich nicht nur gegen körperfremde Elemente richtet (z. B. Bakterien oder Viren), sondern auch bestimmte körpereigene Strukturen angreift. Bei der MS überwinden bestimmte Abwehrzellen die Blut-Hirn-Schranke und greifen die Myelinscheide an, die die Nervenfasern umhüllt und schützt 2.
Diese Schädigung unterbricht den Nachrichtenfluss des zentralen Nervensystems, was zu einer Verringerung oder einem Verlust von Körperfunktionen führt. MS kann eine Vielzahl von unterschiedlichen Symptomen verursachen, wie zum Beispiel Schwierigkeiten beim Gehen, Sehstörungen und Empfindungsstörungen wie Taubheit oder Kribbeln, aber auch Müdigkeit, Probleme beim Denken und Depression1.

Ursachen und mögliche Risikofaktoren
Es ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt, was die MS verursacht. Es wurden aber einige Faktoren identifiziert und untersucht, die bei der Entwicklung der MS eine Rolle spielen könnten.
5 Faktoren für eine MS-Erkrankung


Genetische Faktoren:
- Familiäres Risiko
- 20 – 30% wenn beide Elternteile erkrankt sind
- 25% Risiko bei eineiigen Zwillingen
- 3% erhöhte Wahrscheinlichkeit wenn ein Elternteil oder Geschwister erkrankt ist
- 0,1% Risiko in der Normalbevölkerung3

Umweltbedingte Faktoren:
- Vergangene Infektionen (z. B. Epstein-Barr-Virus)
- Niedriger Vitamin-D-Spiegel
- Starkes Übergewicht
- Rauchen

Vergangene Infektionen:
Bestimmte Virusinfektionen werden mit einem erhöhten Risiko einer MS bzw. der Auslösung von Schüben in Verbindung gebracht, darunter das Epstein-Barr-Virus und das humane Herpesvirus6. Die Multiple Sklerose ist jedoch keine ansteckende Erkrankung6.

Niedriger Vitamin-D-Spiegel:
Am häufigsten scheint MS in Nordamerika und im nördlichen Europa aufzutreten, was darauf hindeutet, dass ein Mangel an Sonnenlicht und niedrige Vitamin-D-Spiegel ein höheres Risiko für MS bedingen bzw. die Krankheitsaktivität negativ beeinflussen könnten. Es gibt jedoch keine eindeutigen Belege, dass der Ausgleich erniedrigter Vitamin-D-Spiegel den Verlauf der MS günstig beeinflussen kann (4). Auch die Gabe von hochdosiertem Vitamin D3 hatte keine eindeutig positive Wirkung auf die Schubrate5.

Starkes Übergewicht:
Menschen, die aufgrund ihrer Veranlagung Übergewicht haben, haben ein erhöhtes Risiko, an MS zu erkranken8.

Rauchen:
Bei Menschen, die rauchen, wurde ein höheres Risiko, an MS zu erkranken, beobachtet als bei Nichtrauchern7.
Verlauf der Multiplen Sklerose
Der Verlauf einer MS kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Deshalb ist es nicht möglich, eine genaue Voraussage des individuellen Verlaufes zu treffen.
Eine MS muss daher nicht zwangsläufig schwer verlaufen. Es ist vielmehr so, dass es gerade zu Beginn der Erkrankung zu einer weitgehenden Abheilung der entzündlichen Herde und damit zur Rückbildung der auftretenden Krankheitszeichen kommen kann.
Es ist eher die Ausnahme, dass die Krankheit innerhalb weniger Jahre zu einer ausgeprägten Behinderung führt. Aus Verlaufsbeobachtungen kann abgeleitet werden, dass langfristig die Wahrscheinlichkeit eines relativ gutartigen Verlaufs höher ist, wenn auch nach 5 oder 10 Jahren das Krankheitsbild stabil ist. Allerdings ist aufgrund der individuellen Variabilität des Krankheitsverlaufs jede Aussage zum weiteren Krankheitsverlauf mit erheblichen Unsicherheiten behaftet.1
Was ist ein Schub?
Wenn Schädigungen der Nervenbahnen auftreten, beeinträchtigt dies die Funktion der betroffenen Nerven und äußert sich in verschiedenen Symptomen 9.
Kennzeichen eines Schubs
- MS-typische Schädigungen der Nervenbahnen
- Auftreten von Symptomen
- Dauer von über 24 Stunden
- zeitlichen Abstand zu einem vorangegangenen Schub: 30 Tage
Verlaufsformen der MS und diagnostische Kategorien
Bei der MS werden drei Verlaufsformen unterschieden. Bei diesen im Folgenden näher erläuterten Formen wird unter anderem betrachtet, ob sie jeweils aktiv und fortschreitend (progredient) sind, oder nicht. Eine progrediente Erkrankung zeigt einen zunehmend schweren Verlauf. Eine weitere diagnostische Kategorie ist das klinisch isolierte Syndrom. Das radiologisch isolierte Syndrom hat zwar MRT-Befunde, die mit einer MS vereinbar sind (neben anderen Kriterien), wird aber nicht als Form der MS definiert.

Klinisch isoliertes Syndrom (KIS)
Ein klinisch isoliertes Syndrom (KIS) kann das erste Auftreten einer MS sein. Als Hinweis auf ein KIS gilt ein typisches MS-Symptom. Zu einer Diagnose benötigt man die Bildgebung der Magnetresonanztomographie, die eine bestimmte räumliche Verteilung (Dissemination) von Entzündungsherden im Nervensystem aufzeigen muss. Eine MS-Diagnose kann aber noch nicht gestellt werden, da der dazu erforderliche Nachweis einer zeitlichen Dissemination noch nicht erbracht werden kann (also der Nachweis von alten und neuen Entzündungsstellen im Zeitverlauf).10


Schubförmige Multiple Sklerose
Bei dieser Form beginnt bzw. verläuft die MS in Schüben. Die mit den Schüben auftretenden Symptome können sich vollständig oder unvollständig zurückbilden. Der Gesundheitszustand verschlechtert sich zwischen den Schüben nicht.
- Ca. 85 % der Menschen mit MS werden anfänglich mit der schubförmigen Form diagnostiziert.
- Bei ca. 50 % dieser Patient:innen bleibt der MS-Verlauf das ganze Leben lang schubförmig.1, 9


Sekundär progrediente MS (SPMS)
Etwa 40% der Patienten:innen mit schubförmiger MS erleben nach 10 Jahren den Übergang in diese progrediente Form. Es ist anzunehmen, dass dieser Anteil durch frühe Diagnose und erweiterte Therapiemöglichkeiten eher abnimmt.9 Wann der Zeitpunkt eintritt, ab dem sich die Beschwerden nicht mehr zurückbilden, lässt sich im Einzelfall nicht vorhersagen.1, 9


Primär progrediente MS (PPMS)
Bei dieser Form der MS besteht von Anfang an ein langsamer Krankheitsfortschritt mit einer kontinuierlichen Verschlechterung. Es kann aber auch zeitweilig ein Stillstand dieser Entwicklung eintreten.
- 10 bis 15% der MS-Erkrankten sind von der PPMS betroffen 9
- Oft Menschen ab 40 Jahren mit spätem Krankheitsbeginn11
Radiologisch isoliertes Syndrom
Ein radiologisch isoliertes Syndrom liegt vor, wenn mit Hilfe der Magnetresonanztomographie MS-typische Entzündungsstellen im Zentralnervensystem im Bild nachgewiesen werden können. Darüber hinaus liegen aber keine Befunde zu MS-typischen Symptomen vor.10
Prognose der Erkrankung
Eine Aussage über den individuellen Verlauf der Erkrankung nach Diagnose einer MS ist praktisch nicht möglich.
Prognostisch eher günstige Faktoren sind:
- nur ein Symptom zu Beginn
- nur sensible Symptome
- kurze Dauer und gute Rückbildung der Schübe
- erhaltene Gehfähigkeit
- Erkrankungsbeginn vor 35. Lebensjahr.12
Die zunehmend besseren Therapiemöglichkeiten einschließlich der Behandlung MS-bedingter Komplikationen haben zu einer langfristig besseren Prognose für die Betroffenen geführt.13
Die Symptome der MS
MS kann sich in sehr unterschiedlichen Symptomen und Beschwerden äußern (“Krankheit der 1.000 Gesichter”).1 Es gibt kein typisches Muster, das auf alle Betroffenen zutrifft. Ein Symptom, das bei einer Person bereits früh einsetzt, tritt bei einer anderen gar nicht auf.

MS-typische neurologische Beschwerden sind:
- Gefühlsstörungen (z. B. Taubheit, Kribbeln)
- Bewegungsstörungen (z. B. Lähmungen)
- Sehstörungen (z. B. Doppelbilder, unscharfes Sehen, blinde Flecken)
- Störungen der Darm- und Blasenfunktion (z. B. nicht gut kontrollierbarer Harndrang)
- depressive Verstimmungen
- Störungen der kognitiven Fähigkeiten (z. B. Konzentrationsstörungen)
- das anhaltende Gefühl von Kraftlosigkeit und Erschöpfung (Fatigue).1, 14
Die Beschwerden treten, je nach MS-Form, schubartig oder langsam schleichend fortschreitend auf (s. Verlaufsformen der MS).1
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- DMSG e.V. https://www.dmsg.de/multiple-sklerose/ms-verstehen; zuletzt besucht am 19.01.2024
- AMSEL e.V. https://www.amsel.de/multiple-sklerose/#c1001211; zuletzt besucht am 20.01.2024
- Jagannath VA, Filippini G, Borges do Nascimento IJ, et al. Vitamin D for the management of multiple sclerosis. Cochrane Database of Systematic Reviews 2018, Issue 9. Art. No.: CD008422. DOI: 10.1002/14651858.CD008422.pub3.
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- Arneth B. Multiple Sclerosis and Smoking. Am J Med. 2020;133 (7): 783-788
- https://www.multiplesklerose.ch/de/aktuelles/detail/starkes-uebergewicht-und-ms-neue-belege-fuer-einen-zusammenhang-gefunden/; zuletzt besucht am 19.01.2024
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- Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) e. V. https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-050p_S2e_Multiple-Sklerose_2022-05_01.pdf; zuletzt besucht am 20.01.2024
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