Die Diagnose
Der Weg zur Diagnose ist oft lang1
Die frühen Anzeichen und Symptome von MS sind von Person zu Person unterschiedlich. Es kann auch schwierig sein, genau zu bestimmen, wann sie zum ersten Mal aufgetreten sind. Die Symptome der MS sind zudem nicht eindeutig. Vom ersten Verdacht auf MS bis zur richtigen Diagnose können mehrere Monate vergehen, bis alle erforderlichen Untersuchungen durchgeführt und mögliche andere Ursachen ausgeschlossen wurden. Die Sicherung der Diagnose erfordert daher eine Reihe von verschiedenen Untersuchungen (siehe unten).
Wenn Grund zur Annahme besteht, dass eine Person MS haben könnte, erfolgt eine Überweisung zur Beurteilung an eine neurologische Praxis oder ein neurologisches Zentrum. Diese sind auf Erkrankungen spezialisiert, die das zentrale Nervensystem betreffen.
Zur Diagnose wird mehr als nur eine einzelne Untersuchung benötigt1, 9, 10
Am Anfang steht die sorgfältige Befragung der Betroffenen durch medizinisches Fachpersonal (z. B. durch den Hausarzt bzw. die Hausärztin), um zu erfahren, welche Symptome aufgetreten sind (Anamnese).
Falls eine neurologische Erkrankung vermutet wird, erfolgt eine Überweisung an den Neurologen für weitere Untersuchungen zur Abklärung und Sicherung der Diagnose.
Untersuchungen, die zur Diagnose von MS verwendet werden:
- Die neurologische Untersuchung ist eine körperliche Untersuchung der Funktion des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) sowie des peripheren Nervensystems. Hierbei werden u. a. Gehvermögen, Muskelkraft, Gefühlssinn, Eigenreflexe, Gleichgewichtssinn, Sprachvermögen und Koordination untersucht.
- Die Magnetresonanztomografie (MRT) ist ein bildgebendes Verfahren zur genauen Darstellung von Strukturen und krankhaften Veränderungen (Läsionen) in Gehirn und Rückenmark. Hierbei handelt es sich um eine sehr genaue Methode zum Nachweis von Entzündungen, Gewebeschäden oder Narbenbildungen (Läsionen).
- Evozierte Potenziale: Durch die gezielte Reizung eines Sinnesorgans oder eines peripheren Nervs werden elektrische Potenziale im Nervensystem erzeugt. Diese führen in der Großhirnrinde zu Gehirnströmen, die im Elektroenzephalogramm (EEG) sichtbar gemacht werden. Es gibt verschiedene Arten von Tests zur Messung von evozierten Potenzialen, zum Beispiel visuell evozierte Potenziale, um Schädigungen der Sehnerven zu untersuchen.
- Lumbalpunktion: Durch Einführen einer Kanüle im Bereich des unteren Rückens wird etwas von dem Gehirn und Rückenmark umgebenden Nervenwasser gewonnen. Die Flüssigkeitsprobe wird u. a. auf bestimmte Eiweißstoffe untersucht (sog. oligoklonale Banden). Wenn diese vorhanden sind, ist das ein Zeichen für eine mögliche MS.
- Ein wichtiger Aspekt für den Neurologen beim Erstellen einer MS-Diagnose ist der Ausschluss von anderen neurologischen Erkrankungen. Dafür müssen weitere Test und Blutuntersuchungen durchgeführt werden.

Die McDonald-Kriterien für die MS-Diagnose15
Zu den nach dem Neurologen William Ian McDonald benannten Kriterien zählen die Zahl von Krankheitsschüben und die Anzahl auffälliger Veränderungen (Läsionen) im MRT. Weitere Kriterien sind sog. räumliche und zeitliche Disseminationen von Läsionen, also die Verteilung von Schädigungen an verschiedenen Orten im ZNS bzw. die zeitliche Abfolge ihres Auftretens. Außerdem wird in gewissen Situationen der Nachweis von sog. oligoklonalen Banden als Kriterium herangezogen. Dabei handelt es sich um bestimmte Immunglobuline im Liquor (Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit), die im gleichzeitig untersuchten Blut nicht gefunden werden. Die McDonald-Kriterien wurden seit ihrer Ersteinführung 2001 mehrfach überarbeitet mit dem Ziel, die diagnostische Sicherheit weiter zu verbessern.
Die 3 Säulen der Therapie
Die Therapie der MS ruht auf diesen drei wissenschaftlich fundierten Säulen16:
- Schubkontrolle10,17: Da Krankheitsschübe durch akute Entzündungen ausgelöst werden, setzt man zur Kontrolle eines Schubes stark entzündungshemmende Medikamente ein, sogenannte Glukokortikosteroide (meist Methylprednisolon), die hochdosiert intravenös oder oral verabreicht werden. Bei sehr schweren Schüben oder falls Glukokortikosteroide nicht gegeben werden können, ist die sogenannte Plasmapherese eine Alternative. Dies ist eine Blutwäsche, bei der Elemente, die am Krankheitsgeschehen beteiligt sind, aus dem Blut entfernt werden.
- Verlaufsmodifizierende Therapie10,18: Zentrales Element der MS-Therapie sind Immuntherapien, auch als krankheitsmodifizierende Therapien bezeichnet (englisch Disease-Modifying Therapies, DMTs). Die in diesen Therapien eingesetzten Arzneimittel beeinflussen auf jeweils unterschiedliche Weise das überaktive Immunsystem und reduzieren so die Anzahl und Schwere der Schübe. Sie können auch dazu beitragen, das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen oder zu verringern.
- Symptomatische Therapien19 sollen helfen, die bestehenden Symptome der MS zu lindern (z. B. eine muskuläre Spastik). Es können je nach Symptom medikamentöse oder auch nichtmedikamentöse Maßnahmen angewendet werden. Die Multiple Sklerose Therapie Konsensus Gruppe (MSTKG) hat für diese Maßnahmen Empfehlungen formuliert und aktualisiert diese stetig.20

Die Auswahl der Therapieoptionen richtet sich nach krankheitsspezifischen Faktoren (z. B. Krankheitsaktivität, Symptome, Art und Grad der Behinderung) unter Berücksichtigung individueller Faktoren (z. B. Alter, Geschlecht, Begleiterkrankungen, Beruf). Die medikamentösen MS-Therapien können je nach Symptom durch weitere Verfahren unterstützt werden, wie zum Beispiel Physiotherapie, Logopädie, kognitive Verhaltenstherapie, Beziehungsberatung oder Sexualtherapie. Auch komplementäre Therapien wie Reflexzonenmassage, Massage, Yoga, Entspannungsübungen oder Meditation können hilfreich sein. Eine Rehabilitation und spezielle Funktionstrainings können ebenfalls in Betracht gezogen werden.21, 22
Die Therapieziele
Die MS-Therapie zielt somit erstens auf die Kontrolle akuter Entzündungsprozesse (d. h. die möglichst schnelle und vollständige Beendigung eines Krankheitsschubs) und zweitens auf eine Hemmung des Fortschreitens der Erkrankung und damit einhergehender Behinderungen. Die Linderung bestehender Beeinträchtigungen und Behinderungen durch symptomatische Therapien ist ein weiteres wichtiges Therapieziel, um eine gute Lebensqualität zu erreichen und die Alltagskompetenz zu erhalten. Es ist wichtig, dass Betroffene ihre individuellen Ziele mit ihrem Arzt bzw. ihrer Ärztin besprechen, sodass diese in die Verlaufsbeurteilung einbezogen werden können.1
Durch eine bedarfsgerechte Kombination entzündungshemmender, krankheitsmodifizierender und symptomatischer Therapien in Verbindung mit nichtmedikamentösen therapeutischen Angeboten kann heute für viele Betroffene sehr viel erreicht werden.
Die Bedeutung der Therapietreue
Ein wesentlicher Faktor für den Therapieerfolg ist die Therapietreue (Therapieadhärenz). Im Mittelpunkt steht die regelmäßige Einnahme bzw. Selbstapplikation der Medikation bzw. die Vorstellung im MS-Zentrum bei einer Infusionstherapie sowie die Beachtung flankierender Sicherheitsmaßnahmen wie beispielsweise regelmäßiger Kontrollen von Laborwerten. Doch im erweiterten Sinne heißt Therapietreue auch, ein gutes eigenes Verständnis für die Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln, um die Chancen und eventuell auch Limitierungen oder Risiken der vereinbarten Therapie richtig einordnen zu können. Damit geht Therapietreue über das bloße Befolgen des Medikationsplans und begleitender ärztlicher Ratschläge hinaus und schließt die aktive Zu- und Übereinstimmung der Betroffenen mit den Therapieempfehlungen und -zielen ein.23 Es wurde gezeigt, dass eine konsequente Therapieadhärenz mit besseren klinischen und auch ökonomischen Ergebnissen verknüpft ist, was geringere Risiken für MS-bezogene Krankenhauseinweisungen, Krankheitsschübe umfasst.24
Es ist in diesem Kontext daher wichtig, dass MS-Betroffene ein gutes eigenes Verständnis für ihre Krankheit entwickeln, weil es ihnen ermöglicht, eine aktivere Rolle im Krankheitsmanagement einzunehmen. Ärztinnen und Ärzte können dadurch MS-Betroffene besser darin unterstützen, eine eigene Bewältigungsstrategie zu entwickeln, was zu einer höheren Lebensqualität führen kann.25
Die Bedeutung des Arzt-Patient-Gesprächs für Therapieentscheidungen und Langzeitbetreuung
Der betreuende Arzt bzw. die betreuende Ärztin werden bei einer chronischen Erkrankung wie der MS zu wichtigen Begleitern. Um MS zu verstehen, mit der Diagnose umzugehen, Unsicherheiten zu bewältigen oder zwischen Behandlungsoptionen zu entscheiden, ist eine Beziehung auf Augenhöhe mit viel Vertrauen und einer guten Kommunikation zwischen Ärzten und Ärztinnen und Betroffenen von großer Bedeutung.26
Wenn beispielsweise eine Therapieentscheidung ansteht, ist es eine ärztliche Aufgabe, Betroffene in verständlicher und empathischer Weise über Wirkungen, Nebenwirkungen und therapeutische Alternativen zu informieren. Gerade bei verlaufsmodifizierenden MS-Therapien ist ein gutes und realistisches Verständnis über die zu erwartende therapeutische Wirkung, die Verträglichkeit, die Sicherheit einschließlich möglicher schwerwiegender Nebenwirkungen wichtig.10
MS-Betroffene sollen ermuntert werden, ihre Bedürfnisse, Werte und Vorlieben klar zu formulieren. Die eigentliche Therapieauswahl erfolgt dann in gegenseitiger Absprache und realistische Therapieziele werden gemeinsam im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung formuliert.10, 25
Die Erreichung der gesetzten Ziele wird nach Beginn einer Therapie oder einer Therapieumstellung regelmäßig bewertet.10 Gerade bei Langzeittherapien, wie den verlaufsmodifizierenden MS-Therapien, ist dies wichtig, um frühzeitig etwaige Anpassungen der Therapie in Betracht zu ziehen, wenn beispielsweise erneute Krankheitsaktivität oder ein Fortschreiten der Erkrankung festgestellt wurde oder sich die Sicherheitsbewertung geändert hat.
Regelmäßige Gespräche mit dem medizinischen Fachpersonal sind dabei von grundlegender Bedeutung. Es geht nicht nur um die medikamentöse Therapie und ihre unmittelbaren Effekte auf die Krankheit, sondern auch um ein breiteres Verständnis eines ganzheitlichen Wohlbefindens.
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